Halt Dein Maul…. Ist das kalt! Alles findet nur noch in Zeitlupe statt. Wann ging es mir zum letzten Mal so dreckig? Aber das ist gerade gar nicht die Frage. Ich habe nur einen Gedanken: Wie soll das bloß weitergehen? Bis auf die Knochen durchgefroren, es muss einiges unter Null sein. Völlig übermüdet, seit 21 Stunden sind wir nonstop auf den Beinen. Seit Tagen, ach was seit Wochen freue ich mich auf diesen Moment. Und jetzt stehe ich am Abgrund und schwanke vor und zurück…

Es war ein toller Plan. Etwas verwegen. Definitiv unvernünftig. Spannend. Krass. „Ich überquere Teneriffa. Der Länge nach. Zu Fuß. In einem Zug.“ Als ich Julia, genannt Trailschnittchen, davon erzähle, denkt sie noch ein paar Tage
nach und dann kommt die Frage: „Kann ich da mitkommen? Deine Idee klingt lustiger als was ich vorhabe…“ Julia ist angemeldet zum Transgrancanaria, einem Ultratrail-Rennen über die Kanareninsel. Sie hatte es mir auch vorgeschlagen, aber ich will schon seit 2003 die grösste Kanareninsel überqueren, und dieses Jahr habe ich schon im Winter zum Jahr des Trailrunning erklärt, was also wäre ein besserer Start? Ausserdem ist es bei uns in den Alpen nicht mehr auszuhalten, Schnee fällt im Februar mehr als den gesamten Winter, Trails sind kaum noch welche vorhanden, und irgendwas muss geschehen! Die Perspektive von Sonne, Wärme und einem krassen Abenteuer motiviert uns schon Wochen im voraus, wir machen Höhenmeter und Kilometer im Schneesturm, bei Tag und Nacht, denn meine grobe Berechnung sagt, es werden etwa 150 Kilometer sein. Wir haben gegen dreistellige Distanzen nichts einzuwenden, aber im Februar…? Egal, der Plan steht fest, von Leuchtturm zu Leuchtturm soll es gehen, über den Teide. Der Vulkan ist Teneriffas höchster Punkt, und auch Spaniens höchster Berg, über 3700m hoch…

Abgründe
Es sollte der Höhepunkt der ganzen Unternehmung sein. Der Aufstieg auf den Vulkan im Sonnenaufgang. Ein Moment den man nicht mehr vergisst. Vergessen werde ich ihn nicht, aber eher weil es der totale Tiefpunkt ist. In 21 Stunden haben wir uns vom östlichsten Punkt der Insel bis an den Kraterrand des Vulkans durchgekämpft. Wir sind auf über 2200m Höhe, Millionen Sterne bevölkern den Himmel, es ist 4 Uhr morgens. Wenn ich nicht so frieren würde, müssten mir die Augen zufallen.

Was habe ich noch mit, um zu verhindern, daß auch noch meine letzten Lebensgeister schwinden? Mülltüten. Unser Essen ist wasserdicht in Mülltüten verpackt! Wir sind schon von oben bis unten in Paclite gehüllt, haben alle Kleidung an, die wir mithaben. Doch mit dieser Kälte hatten wir nicht gerechnet… 2 Tage später, wir sind wieder im Tal, in der Zivilisation, sehen wir in denFernsehnachrichten, daß Schneestürme auf dem Teide wüten. Die Reporter überschlagen sich vor Aufregung – es ist der kälteste Winter auf den Kanaren seit 15 Jahren. Ja, das wüde es erklären. Oben am Kraterrand wissen wir das noch nicht, und es würde uns auch nicht weiterhelfen.

Für Notfälle, und für den Fall, daß wir uns für eine Stunde hinlegen wollen, haben wir Biwaksäcke mit. An Hinlegen ist nicht zu denken, es ist viel zu kalt, aber der Biwaksack ist mein Lebensretter, ich hülle mich ein wie ein Gespenst. Was das bringen soll, wo ich doch schon winddicht eingepackt war, weiss keiner, aber der psychologische Effekt ist unbestritten. Julia friert auch erbärmlich, aber es scheint sie nicht so mitzunehmen. Jedenfalls scheint sie noch klar denken zu können…

Aus den Mülltüten bastelt sie eine Schutzschicht um meine Beine, während ich mit Mühe einen Energieriegel nach dem anderen esse… Ich kann gerade noch soviel geistige Aktivität sammeln, um zu realisieren: wenn das hier nicht in einem Desaster enden soll, muß ich wieder zu Kräften kommen! Es gibt hier keine Hütte, keinen Ort der wärmer ist als die Vulkanwüste in der wir stehen. Essen, trinken, und alle paar Minuten der Blick auf die Uhr und in Richtung Osten. Immer noch kein Licht am Horizont. Wann geht nur die verdammte Sonne auf !?! Wir gehen langsam weiter, das heisst: Julia geht, sie trägt obendrein meinen Rucksack, denn den kann ich weder über noch unter dem Biwaksack unterbringen.

Ich nage an Müsliriegeln, schwanke von rechts nach links, und folge den Fußabdrücken im Sand. Ich habe schon viele schwere Momente durchgemacht, und jeder überstandene macht einen stärker….was wie eine abgedroschen Phrase klingt, stimmt ja wirklich. In solchen Situationen halte ich mir normalerweise vor Augen, was ich schon bewältigt habe, aber jetzt ist meine Sorge: was nun kommt ist der härteste Teil der ganzen Überquerung…1500 Höhenmeter supersteiles Vulkangelände bis auf 3700 Meter…. selbst im frischen Zustand ist das eine kleine Herausforderung. Wenn man sich gerade kaum auf den Beinen halten kann, erscheint es aussichtslos.

Aufbegehren
Und dann passiert es. Langsam zeichnet sich ein roter Streifen am östlichen Horizont ab… er wird breiter. Und auf einen Schlag taucht die aufgehende Sonne den ohnehin schon rötlichen Vulkan in ein Flammenmeer. Der Wahnsinn. Aber noch unglaublicher ist, was die reine Anwesenheit von Licht mit dem Körper macht. Innerhalb einer halben Stunde kehrt die Energie zurück. Ich bin überzeugt, dass der wolkenfreie Himmel uns den Hals rettet. Wir stehen beeindruckt vor dem gigantischen roten Kegel aus Vulkangestein, der im Minutentakt die Farbpalette aller rot- und orangetöne durchmacht. Was sich bis jetzt nur wie ein schwarzer Schatten über uns aufgetürmt hatte, wird im Licht noch unwirklicher. Kurioserweise wirkt die monumentale Erscheinung nicht entmutigend. Ich weiß jetzt: wir werden es da hoch schaffen. Nach den fürchterlichen 2 Stunden am Rande der Unterkühlung steigt unsere Stimmug gleichzeitig mit der Körpertemperatur. Als die Sonne richtig da ist, verpacken wir Biwaksack und Mülltüten und nehmen geradezu euphorisch den Berg in Angriff. Wir laufen sogar! Auf diesen Moment habe ich mich 90 Kilometer lang gefreut. Es ist der Höhepunkt des Tages!
Für unsere Verhältnisse im Schneckentempo steigen wir in immer dünnere Luft. Ich habe meinen Energiehaushalt wieder im Griff und habe genaugenommen einen Mordsspaß. Fast bedauere ich es, als wir auf Eis- und Schneebedeckten Lavatrails am Gipfelkegel ankommen. Fast.

Alles Andere…..
….ist im Nachhinein nur Rahmenhandlung gewesen. In den 2 Stunden am Kraterrand stand auch die ganze Unternehmung kurzzeittig auf Messers Schneide. Doch rückblickend war es vor Allem eine Reise durch unzählige Klimazonen, Geisteszustände, körperliche Befindlichkeiten…. der menschenleere Singletrail am Start, der sich an der Nordostküste entlangschlängelt, die dichten Regenwälder des Anagagebirges, die fürchterliche Durchquerung von San Cristobal de la Laguna, die endlosen Geraden vom Teide zum Tenogebirge, der gewaltige Wind, der uns auf den letzten Kilometern mehr als einmal fast von den grandiosen Klippen geweht hätte….
Am Tag nach unserer Überquerung bricht der Winter endgültig über die Insel herein. Wir haben tatsächlich die einzigen 40 Stunden gewählt, an denen es in diesem Monat möglich war. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert….










Den Film zur Überquerung gibt’s in den “TRAILMOVIES” !!!!
Jetzt bekommt man die ‘ganze Wahrheit’ zu dieser Grenzwanderung zu lesen
- da kann man nur den Atem anhalten-