Wie jedes Jahr seit Anfang 2000 um die Sonnenwende ruft der Velebit die ambitionierten Trail Runner auf seine steinigen Hänge zu einem der wohl technisch anspruchvollsten Trecking Races Europas, ein Race in großartigem Terrain und wenig Aufregung in der Organisation und dem ganzen Drumherum. Die Rennen haben dann bezeichnende Namen wie „THE LONGEST DAY“; oder wie dieses Jahr: POSKOK 3.

Das Startbanner wehte am Fuß des Sveti Rok, knapp über Meershöhe unterhalb der Felsnadeln von Tulove Grete, einer Felsformation des südlichen Velebit, an der alten
Passtrasse über den Gebirgskamm, um von der Lika-Hochebene, dem Eiskeller Kroatiens, runter zur Hafenmetropole Zadar zu kommen.

Langsam schlängelt sich der Pfad durch die mit einzelnen Grashalmen bestückten Gesteinshänge rauf zur Passhöhe von Tulove Grete. Die Hänge sehen nur aus der Ferne entspannt zu durchqueren aus, aus der Nähe entpuppt sich das Ganze für den Unwissenden als stoisches Geröllfeld aus Karstgestein mit ebensolchem Bewuchs dazwischen, ein Bild, was einen im Velebit nie verlassen wird.

Poskok, eine Horn Viper, wörtlich die Springschlange, ist der Name der in Kroatien wohl meist erwähnten und gefürchteten Giftschlange, und die giftigste Schlange ganz Europas überhaupt. Es gibt sie in dieser Gegend, glaubt man den Kroaten, zuhauf und angeblich haben sie die Fähigkeit, ihre Gegner anzuspringen, um ihnen anschließend mit ihrem Giftbiss zusetzen zu können. Das trifft leider auch für den Menschen zu. Auf ihrem Storykonto stehen jährlich mehrere, und meist vorwitzige Touristen.
Vom Äußeren her bis zu 80 cm lang und daumendick, wie ihre Umgebung in einem hellen Grau und die Männchen mit dunklen Kreuzstreifen, sind sie in den Steinen ruhig liegend kaum auszumachen. Sie schlafen allzu gerne im Gras, wo es sich eigentlich als Racer gut laufen lässt, und auf schattigen Pfaden. Im Sommer ist es dort so heiß, dass selbst Poskok in den Schatten geht. Wie auch immer, ich hab es bisher vorgezogen, den Dingern den Vortritt zu lassen, bzw. die Möglichkeit eingeräumt, in Ruhe aufzuwachen, und sich anschließend ohne Streß verdrücken zu können. Wer will da schon gebissen werden, und über das Zurückbeißen ganz zu schweigen.

Poskok sollte heute aber nicht das Thema sein, nach anfänglicher Sonne und extrem schwüler Luft war klar, dass sich ordentliche Gewitter mit Ansage im Velebit entladen werden. Nach ca. 10 km bergan und stetem Wechseln von Seitengraten und Senken südlich des Hauptgrates kamen auch schon die ersten Schauer. Der Hauptkamm sah von Weitem bereits schwarz wie die Nacht aus. Nach 20 km dann die Passage von Malo Libinje, einem alten Weideort, zog der Trail schräg den Hauptkamm hinauf. Kurzzeitig stoppte der Gießkannenregen und es schien ein bisschen wie windstill. Bis hierher war die Welt und das Rennen noch in Ordnung. Dann kam er, der Bura…
Kalte Luftmassen aus Norden kommend, donnern mit Orkangeschwindigkeiten über den Hauptkamm die Hänge direkt zum Meer runter, legen sich in die dortigen unendlich vielen Felsrinnen ein und entwickeln zusätzlich im Wechselspiel mit den Felshindernissen wie aufgedoppelt einen extrem böigen Charakter. Die Locals meinen, es ist die schlimmste Kombination die man da haben kann, der Bura alleine reicht schon, tue er sich dann noch mit dem Regen zusammen, sei der Shit perfekt.

Binnen 10 Minuten war die ganze Gegend eine einzige Höllenmaschine; der Regen setzte wieder ein, heftiger als vorher, der Wind frontal von vorn, der Regen dadurch natürlich auch. Das hatte zur Folge, dass die Tropfen in Schauerschwaden wie Regenvorhänge den Berg herunter flogen und das Gemisch aus Sturm und Wasser wie hochbeschleunigte Hagelkörner von vorn kommend auf die Kleidung aufschlug. Die Trails, im Normalfall schon nur äußerst spärlich markiert, waren eigentlich nur noch von Insidern auszumachen. Das Velebit Trecking ist nicht extra markiert, sondern mit Karte selbst zu navigieren, eine Karte zu benutzen war aber nun nicht mehr möglich. Die Leute schmiegten sich aneinander und hangelten sich bis zum nächsten Seitenkamm Namens Vlaski Gragd rauf; dort steht eine kleine Schutzhütte und war zugleich Checkpoint. Dieser kleine Seitenkamm schien in dem Moment gerade Hauptangriffsziel eines Gewitters zu sein, die Blitze schlugen selbst dort schon reihenweise ein. Der Checkpoint-Guide empfahl bei leisestem persönlichem Zweifel den Hauptkamm nicht mehr rauf zu gehen, sondern das Rennen auf einer kürzeren Route zu beenden. Nun weiß ich ja auch nicht, wieso man sagt, in einem Rennen drehe ich nicht so schnell ab, vielleicht ja auch, weil andere bereits rauf gegangen waren und bei sich weiter verschlechternden Bedingungen man immer noch umkehren könne. Mit Sicherheit spielt die Erfahrung mit dem Berg und das Handling solcher Bedingungen eine entscheidende Rolle, dass man weitergeht mit der Gewissheit, immer noch auf der sicheren Seite zu sein. Anders betrachtet kann man nun mal selbst in einem Rennen das Wetter nicht bestellen oder bei Unbehagen gar auf Wunsch abstellen. Manche gingen den kürzeren Weg, manche machten sich startklar zum Hauptkamm rauf. Es war irgendwie für alle nicht so einfach, jeder zog alles an, was er im Rucksack fand, für solch ein Wetter waren natürlich alle underdressed.Mein neuer Salomon XA 20 mit seinem Lite Airvent System, im Normalfall beim Laufen kaum zu spüren, erwies sich nun bei stramm angezogenen Gurten an Schultern und Hüfte als willkommenes zusätzliches Kleidungsstück und zugleich Schutzschild gegen das Wetter.

Verlässt man die Hütte Richtung Hauptkamm, dann kann man entweder umkehren, oder ist mindestens 4-6 Stunden bis zur nächsten Abstiegsmöglichkeit unterwegs. Und so kam es dann auch, die Bedingungen auf dem Trail lassen sich am besten mit den Sturzbächen in Petersens Bootverfilmung beschreiben, der Bura donnerte von vorn und schob das Wasser in Unmengen den Berg runter. Auf dem Kamm angekommen, bog der Pfad leicht nach Norden ab, der Sturm blies nun hauptsächlich von der Seite. Der nächste Checkpoint, eigentlich auf dem Gipfel der Sveto Brdo gelegen, war dort sprichwörtlich nicht mehr zu halten und wurde auf den Grat runter verlegt. Die nächsten 15 km wechselte der Pfad nun im stetem Bergauf und –ab von der linken zur rechten Seite des Grates, Karsthänge mit spärlichem Grasbewuchs und gummigleichen Hochgebirgskiefern, die nun horizontal im Wind hingen. Mit dem Seitenwind kamen jetzt alle in die schwierige Situation, sich auf den Beinen zu halten und nicht vom Grat runtergeweht zu werden, Treckingstöcke wurden zu Haltegeschirren umfunktioniert, an denen sich bis zu 4 Leuten gleichzeitig festhielten und so dem Wind besser trotzten. Nicht nur der Karststruktur wegen konnte man nicht neben dem Trail und auf der windabgewandten Seite laufen; es gab einfach keine windabgewandte Seite. Die Temperatur schien noch knapp über Null, am nächsten Tag lagen dann alle oberen Hänge in frischem Schnee.

Das Drama hatte seinen Höhepunkt auf dem Vaganski Vrh erreicht, mit seinen 1850 m der höchste Punkt des Trails. Schon von unten gesehen bot sich ein gespenstisches Schauspiel, Gewitterblitze schlugen wie Lichtäste ständig in die Gipfelkappe ein, und der Pfad ging genau da drüber… Die Szenerie setzte wie zum Showdown an, die Leute sprangen zum einen wie im Spießrutenlauf zwischen den Blitzen über die Kuppe, der Sturm blies ihnen zudem noch die Beine weg und sie landeten reihenweise auf dem Hosenboden und bei längerer Segelstrecke in den Büschen. Fertig mit lustig sammelten die meisten Racer sich nun gegenseitig ein und nutzen jetzt den gleich nach dem Gipfel abbiegenden Pfad runter Richtung Meer, um vom Grat weg zu kommen. Spätestens hier war das Rennen allen völlig egal, ebenso dessen Wertung. Nach ca. einer halben Stunde erreichte man Terrain mit größeren Bäumen und besserem Schutz. Wenige beendeten das Rennen auf der regulären Strecke.
Auf kleinen Pfaden laufend, die sich bizarr den steilen Hang langsam runter tasten, hatte dann wohl jeder seine eigenen Gedanken über den gigantischen Spuk die Stunden zuvor, und mit einem Lächeln und einem Kopfschütteln zugleich liefen wohl die meisten in das Tal der Velica Paklenica ein, an dessen Ausgang in der Konoba des malerischen Mini-Dorfs Maracovica die Ziellinie gezogen war. Velica Paclenica hat mehrere Bedeutungen unter den Einheimischen, heute wurde sie einem ihrer Namen mehr als gerecht: Große Hölle…..

Ja, und es war wie immer, bist du aus solchem Sauwetter wieder raus, ist alles nur so wild halb gewesen, passiert ist natürlich auch nichts; der Kroate kennt mit seinem ursonnigen Gemüt kaum Verzagen; er läuft dann einfach weiter im Wissen, dass morgen eh wieder die Sonne scheint; so war es dann ja auch. Und eins war beim anschließenden Après-Race in besagter Konoba klar, nächstes Jahr geht’s wieder rein in die Paklenica und rauf in die Karsthänge des Velebit; …verdammt!
Text und Fotos: Powerhammer
Noch ein coole spaziergang…. ihr seid echt verrückt…manche sagen dass ich verrückt sei weil ich jeden sonntag früh aufstehe um 120km mit dem rennrad zu fahren und dannach ein familien tag mache, ich weiß es aber….ich bin nur leicht angedötscht
So was macht nur ein Powerhammer mit und sonstige schonungslose Gesellen und Gesellinnen. Wer das mag ist glücklich mit dem Gedanken – es kann nur besser werden-
und er hat recht wie man sieht.
Tolle Story, kommt in die Auswahl der ‘best off’