Der langhaarige Hüne steht im Wind auf einer Felsplatte. Er blickt über endlose grüne Berghänge, die bis zum Horizont reichen. Vor seinen Füßen fällt die Schlucht fast einen Kilometer senkrecht in ein felsiges Tal. Die Sonne brennt auf den Hünen hinab als wollte sie ihn zu Asche verbrennen. In der Hand hält der Hüne ein gebogenes Objekt. Er hebt es zum Mund und aus dem Horn kommt ein trötender, heulender Ton…. Der Wind trägt das rauhe, melodische Geräusch über die Drakensberge. Den Felsen läuft ein Schauer über den Rücken.

Rechts – links – rechts – links – rechts……..
Ein Fuss vor den Anderen.
Die Spur vor mir ist nur so breit wie zwei Füsse nebeneinander.
Ich habe ja auch nur zwei. Doch die wissen auf einmal nicht mehr wie das geht – gehen. Ich schlafwandle. Ich halluziniere. Ich höre Stimmen. Wer spricht da? Hat sich ein Läufer verirrt? Warum sagt er nicht etwas deutliches? Warum quakt er? Weil der verirrte Läufer ein Frosch ist… die Lösung ist einfach, sie drängt sich auf, doch mein Gehirn ist aus Watte und arbeitet unendlich langsam.

Nummer 1 atmet schwer. Die Beine brennen. Wie die Kolben in einem Motor arbeiten sie unermüdlich. Der Boden gibt nach. Steine rollen, Erde rieselt, Gräser knicken, die Gravitation arbeitet gegen ihn. Der Hang ist steil, fast senkrecht. Doch Nummer 1 ist stärker als die Erdanziehung, stürmt dem höchsten Punkt entgegen. Er kennt diesen Berg. Ist ihn zig-mal hoch gerannt. Eine der Schlüsselstellen des Rennens. Die Balloch Wall ist nicht nur einer der steilsten Anstiege des Skyrun, sie ist vor allem auch ein Psychokiller. Wer gut drüber und auf der anderen Seite ankommt, ist euphorisch und fliegt dem nächsten Checkpoint mit grossen Schritten entgegen – wer es nur mit Mühe und Not schafft, würde sich am liebsten in das Emu-Gehege der Reedsdell-Farm legen, als Vogelfutter.
Das einzige was noch schlimmer ist als der brutale Anstieg auf die Wall, ist – der Abstieg… noch steiler, noch unwegsamer. Der Scharfrichter des Skyrun ist dieses Jahr besonders scharf. Es hat viel geregnet, die Vegetation ist dicht. Bruce Arnett ist unbeeindruckt. Er kommt auf dem Sattel an, findet zielsicher das Loch im Stacheldrahtzaun, gleitet hindurch und stürzt sich in den Downhill wie ein Basejumper ohne Fallschirm. Jetzt arbeitet die Schwerkraft für den Mann aus Johannesburg! Er hat fast jeden Skyrun gewonnen, es geht für Nummer 1 heute nicht einfach um den ersten Platz – er möchte einen neuen Streckenrekord…

Der blonde Hüne führt eine Gruppe Wanderer über den Grat. Sie sind in Lady Grey gestartet, einem kleinen Westernstädtchen am Rand der Drakensberge. Ziel ist Rhodes, gut 120 Kilometer entfernt. Die Strecke führt über den Grat, auf durchschnittlich 2500 Metern. John-Michael Tawse ist ein spiritueller Mensch. Für ihn ist der Weg in die Berge der Weg zu Gott. Insofern ist der Drakensberg eine riesige Kirche, ohne den ganzen Klamauk der unten im Tal um die Religion gemacht wird. John-Michael mag es einfach, unkompliziert, und seine „Skywalks“, seine Wanderungen in den Himmel geben ihm mehr Kraft als sie ihm körperlich abverlangen.

Ich bin ein Tiefseetaucher. Das Wasser ist schwer, es bremst meine Bewegungen. Der hunderte Kilo schwere Taucheranzug und die Sauerstoff-Flaschen auf meinem Rücken machen jeden Schritt zu einer Unternehmung monumentalen Ausmaßes. 20 Stunden auf den Beinen. Die sengende Hitze des Tages hat mich ausgetrocknet. Zu wenig essen, zu wenig trinken, nicht schlafen – der Skyrunner verlangt seinem Körper viel ab. Nebenbei stundenlang durch meist wegloses Gelände laufen, steile Rampen hoch, Knöchelmordende Grashänge hinuter. Flussdurchquerungen kühlen angenehm die Beine und Füsse. Doch anschliessend löst sich die Haut der Füße in den nassen Schuhen langsam auf. Mittags schmerzen die Waden von den unzähligen blutigen Kratzern, die das agressive Gestrüpp in die dünne Sportlerhaut reisst. Am Nachmittag schmerzen die Muskeln vom schweren Rucksack, den der Wasservorrat auf die Schultern zieht wie ein bösartiger Kobold. Am Abend schmerzen die Füsse weil offenes Fleisch bei jedem Schritt an der Nachbarzehe reibt.
Jetzt schmerzt nichts mehr….. die Augen sind schwer, sie fallen immer wieder zu. Als sie mehr Zeit geschlossen sind als offen, lege ich mich hin. Neben den Trail. Nur eine Minute. Oder zwei. Dem Gehirn eine kurze Pause geben. Reboot. Neustart. Nur kurz die Augen ausruhen. Dann werden sie wieder offen bleiben. Nur fünf Minuten….Schliesslich ist Nacht. In der Nacht schläft man doch! Das letzte was ich höre, ist mein Herzschlag.

Nummer 1 ist nicht allein. Nummer 18 ist bei ihm. Gemeinsam rasen sie unaufhaltsam dem Ziel entgegen.
Der Trailrunner an sich ist ein Einzelkämpfer. In der Wildnis begegnet er selten seinesgleichen, und dann läuft er noch seltener in dieselbe Richtung… Auch der Skyrunner kämpft meist allein. Doch hier laufen alle in dieselbe Richtung. Ganz im Geiste des ursprünglichen Gedankens laufen sie nicht gegeneinander, sondern miteinander…. Sportsgeist. Fairness. Der Sport hat viele Worte erfunden um dieses Verhalten zu beschreiben. Der Skyrunner fühlt sich seinen Mitläufern seltsam verbunden. Letztes Jahr fegte uns ein Hagelsturm mit Blitz und Donner fast vom Berg. Dieses Jahr grillt uns die Sonne wie in einem Ofen. Das monumentale Ausmaß der Unternehmung, die freiwillige Aufsichnahme des Risikos, die schiere Distanz, und nicht zuletzt der bis heute aufrechterhaltene Geist der Gründer….sind alle die Basis für eine Verbindung zwischen einem Haufen Individualisten, die über zig Kilometer auf diesen Bergen verstreut sind… Organisator Adrian bringt es auf den Punkt, als er die Siegerehrung beendet mit den Worten: „Wir sind alle Skyrunner!“

John-Michael hat zwei Freiwillige gefunden: Joe Sephton, einer der Farmer deren Land der Skyrun überquert, und Dr. Rudi Thethard. Es soll der erste Skyrun werden, es ist das Jahr 1996 und John-Michael Tawse wird der spirituellen Erfahrung noch eine physische mitgeben. Satt den 100 Kilometerkurs zu wandern, wollen sie ihn laufen…
Der Rest ist Geschichte, 1997 gab es den ersten offiziellen Skyrun, der jedoch wegen Schneesturm abgebrochen werden musste. Seitdem starten jedes Jahr einige Dutzend unerschrockene Skyrunner auf Johnmikes Spuren. Manche kommen für den Sport, manche für Rekorde, andere für die Landschaft…doch keiner verlässt den Grat ohne eine wichtige Erfahrung, die Rückbesinnung auf einfache Handlungen und Ur-Instinkte… Wie der blonde Hüne sagt: „ Manch einer begegnet vielleicht Gott, einjeder aber begegnet zumindest – sich selbst…“
John-Michael Tawse ist der erste Skyrunner.

Etwas stimmt nicht. Ich werde wach, ich zittere am ganzen Leib. Der Wind zerrt an meinem Panzer aus Paclite. Gebt dem Erfinder dieses Materials den Nobelpreis! Er rettet mein Leben! Der Wind ist ein Sturm. Im Tal heute nacht war es warm; jetzt, auf 2600 Metern, fegt ein Orkan über den Grat, dass man den Windwiderstand von Kampfflugzeugen testen könnte. Auch meine zwei Gefährten sind wach. Offenbar haben alle drei Körper gleichzeitig den Alarm gegeben: Aufstehen, es ist zu kalt zum schlafen! Rascheln, die Kapuze etwas heben – und dann sehe ich wie die Sonne über den Horizont steigt. Lila, orange, gelb,…wärmende Strahlen und die Lebensgeister kehren langsam zurück… wie lange haben wir da im Gras gelegen? Nicht lang, aber lang genug, um wieder geradeaus laufen zu können, ohne rechts oder links vom Berg zu fallen.

Nummer 1 hat es mal wieder geschafft…. Als erster kommt er in’s Ziel. Aber nicht allein. Zusammen mit Nummer 18 ist er noch vor Sonnenuntergang in Tiffindel, der einzigen Südafrikanischen Skistation, die traditionell das Ende der Strecke markiert.
Nach nur 14 Stunden 43 Minuten, zu einem Zeitpunkt, als die meisten gerade mal bei Kilometer 70 den Fuß der Balloch Wall erreichen, preschen Bruce Arnett und Iain Don-Wauchope über die Linie.
Den Streckenrekord haben sie um nur vier Minuten verpasst… der steht seit 2007 bei 14 Stunden 39 Minuten. Aufgestellt von einem gewissen Bruce Arnett.
Bruce Arnett ist der schnellste Skyrunner.

Der langhaarige Hüne steht im Dunkeln, das legendäre Horn in der Hand. Knapp siebzig verwegene Gestalten warten auf sein Zeichen. Sie wollen auf seinen Spuren wandeln. Um Punkt vier Uhr morgens hebt er das seltsame Instrument, der gruselige Ton jagt den verwegenen Gestalten einen Schauer über den Rücken, als sie aufbrechen, für den längsten Tag des Jahres.
John-Michael sieht ihnen nach, bis der letzte um die Ecke verschwunden ist. Dann macht er sich auf den Weg, ihnen zu folgen. Fünf Jahre war er nicht dabei, 2009 kehrt er zurück zu seinen Wurzeln. Der Kreis schliesst sich als John-Michael den ersten Kilometer des diesjährigen Skyrun in Angriff nimmt. Dieses Jahr ist er der Schlussläufer.


Nummer 40. Nummer 19. Nummer 3. In dieser Reihenfolge bewegt sich unser kleiner Trupp über den Kamm, jetzt wissen wir, dass wir es schaffen werden. Ben MacDhui, der höchste Berg auf der Strecke und in diesem Teil Südafrikas zeichnet sich vor uns gegen den Himmel ab. Der letzte Checkpoint bevor es nur noch einen Hang hinunter geht in’s Ziel…
Nummer 40 als erster. Ich kenne den Weg. Ich bin zum vierten Mal hier. Letztes Jahr hatten wir hier Gegenwind. Jetzt weht uns der Sturm immerhin dem Ende zu. Je näher Ben MacDhui kommt, desto schneller werde ich. Zum Schluss renne ich mühelos dem Posten neben der Fahne entgegen. Ich fühle mich als könnte ich hundert Kilometer so weiter rennen. Aber ich lasse es mal lieber nicht drauf ankommen…

Nummer 19 ist zum ersten Mal in den Drakensbergen. Die blonde Löwenmähne in der Kapuze versteckt, rote Grobihandschuhe an den Fingern, stapft sie unermüdlich hinter mir her. Vor einigen Stunden machten wir den Deal – angenehme Gesellschaft gegen Ortskenntnis. Der Tausch wird für beide zum Erfolg. Nicht viele beenden ihren ersten Skyrun, ohne am Fuß der Balloch Wall in der Höhle zu übernachten und am nächsten Tag um 4 Uhr erneut zu starten. Doch Nummer 19 ist die Nacht durchgelaufen. Sie ist die zweite Europäerin, die überhaupt diese Strecke läuft. Der erste war ich, vor drei Jahren. Nummer 19 strahlt. Der höchste Punkt. Gestern war noch der Weg das Ziel. Jetzt ist das Ziel das Ziel!

Nummer 3 hat zwei Stunden lang den Pass gesucht, der auf den Hauptgrat führt. Von der waldigen Flußüberquerung muss man einen brutalen Anstieg nicht nur bewerkstelligen, sondern vor allem erstmal finden. Der Mond ist schon lange hinter einem Berg untergegangen, die Nacht pechschwarz, als Nummer 3 aufgibt. Der Hang wird immer steiler, endet dann in einer senkrechten Felswand. Die Karte sagt zwar, es geht quasi geradewegs hoch auf den Grat, doch das kann nicht stimmen. Dies ist der Skyrun, nicht der Skyclimb! Nummer 3 legt sich in einem Gebüsch auf den Boden. Er würde hier warten, bis entweder jemand vorbeikäme, der den Weg kennt, oder bis es hell würde. Da schreckt ihn ein heller Lichtstrahl auf. Zwei Läufer kommen direkt auf ihn zu. Ausgerechnet zwei deutsche. Nummer 40 sagt, er sei gar nicht so falsch. Von wegen. Doch es stimmt, er hatte nur um 90 Grad in die verkehrte Richtung gesucht. Er hängt sich an das Zweiergespann und siehe da – die schwarze Wand vor ihnen ist begehbar. Kein normaler Wanderer würde so eine Rampe in Angriff nehmen, doch das galt auch für den Großteil der vergangenen 80 Kilometer. Der führende Suchscheinwerfer bahnt sich zielsicher seinen Weg, Nummer 3 ist wieder im Rennen!

So hat Adrian Saffy den Skyrun noch nie erlebt. Seit 2004 ist er der Renndirektor, der Schlußläufer, der Organisator… Nachdem er Sonntags mit den Letzten in’s Ziel kam, stand er schon wenige Minuten später vor versammelter Mannschaft und führte die Siegerehrung durch. Dieses Jahr hielt ihn eine frische Knieoperation vom Mitlaufen ab, so tauchte er mit dem Quadbike überall auf der Strecke auf und feuerte seine Läufer an. Und empfing dann jeden Einzelnen im großen Zielbogen in Tiffindell. Er ist auch da als wir die steile Skipiste in’s Ziel rennen, Slalom um imaginäre Stangen.
Nummer 19, Nummer 40, Nummer 3…. wir bekommen jeder die Medaille, die uns in Zukunft erinnern wird: wir sind alle drei Skyrunner!
Als ob wir das jemals vergessen könnten……

Fotos :
Kelvin Trautman
&
Gripmaster
Der Film zum Skyrun :
http://www.gripmastertrails.com/trailnews/skyrun-sudafrika-der-film/
Die komplette Reportage am 7.12. im TRAIL Magazin
www.trail-magazin.de














Was für ein Report – ich dachte ‘it will be more of the same’ – doch das war es nicht – Es muß schon was wunderbares sein dieser Sky run – danke für das teilnehmen dürfen –
Gratulation dem Fotografen !
Gratulation,
jeder, der da durchkommt ist ein Sieger!
super Bilder, wie wirs von Dir gewohnt sind.
Gute Erholung von den Strapazen!
Mann, ey, richtig stark! Gratuliere!!!! Tolle, mitreißende Zeilen, klasse Bilder… aus Dir wird nochmal was, irgendwann!
Beste Grüße
miku
Gänsehaut… und sie verschwindet gar nicht mehr vom Rücken und von den Armen…
respekt gripmaster!
wie immer kriegt man richtig lust selbst mitzumachen.
Hey gripmaster,
so, jetzt setze ich einen Hut auf, damit ich ihn vor Dir und all den anderen Finishern ziehen kann!!! WOW!!! Hammer Leistung – grautliere! Und ein wirklich geiler Bericht
Erhol Dich mal gut und bis bald mal irgendwann!
bin sprachlos!da bekommt man ja lust gleich selbst dorthin z fahren! gratulation f die leistung! und die fotos…wou! erhol dich u geniesse die restlichen tage!!
glg v froggy:-)