Durmitor – Im Land der Orks

Eines möchte ich doch verdammt nochmal wissen: wieso benennen die das Land hier nach schwarzen Bergen? Oder was heisst Montenegro sonst bitte? Die Felswände die sich um mich herum auftürmen, die aus riesigen Blöcken bestehende Mondlandschaft durch die wir uns mühsam einen Weg bahnen, der feine Schotter auf dem in den schier senkrechten Hängen die Profilsohle bestenfalls zufällig Halt findet: Hell sind sie! Weiss! Allenfalls grau!
Die bedrohlichen Regenwolken, die auf dem 2523 Meter hohen Bobotov Kuk lauern – DIE sind allerdings schwarz, ja….

“Durmitor“

Mit derlei Betrachtungen beschäftige ich meinen Kopf, während mich meine Beine zum dritten Mal auf einen über 2300 Meter hohen Bergsattel wuchten, im ständigen Kampf mit der Schwerkraft und dem eingangs erwähnten losen Schotter.

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Auch Kristian aus Zagreb weiss es nicht – dabei ist der hochgewachsene Läufer mit der langen Mähne Geographie- und Geschichtslehrer. Irgendwas stimmt nicht mit Kristian. Vor einer Weile hat er mich überholt, und sich, wie er mir erzählt, von Platz 18 auf Platz 7 vorgearbeitet. Kein Wunder, der Typ hat beim Rennen durchs Velebit vor einigen Jahren den Streckenrekord aufgestellt. Ein krasser Typ also!

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Doch dann passierte es, am Fusse des Bobotov Kuk verfehlte er einen Abzweig, und rannte eine gute halbe Stunde in die falsche Richtung. Als er es bemerkte, und wieder umdrehte (nochmal eine halbe Stunde..) war für ihn das Rennen gelaufen…

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So schnell geht das – in den Rennen der kroatischen “Trekking Liga” gelten andere Regeln als in unseren “zivilisierten” mitteleuropäischen Trailveranstaltungen. Keine Pfeile auf den Boden gesprüht, kein rotweisses Flatterband, keine Verpflegungsstationen.
Man muss schon immer mit einem Auge auf das Gelände und mit einem auf der Karte laufen, um sich nicht zu vernavigieren.

“Durmitor“

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Simun Cimerman aus Zagbreb hat eine krasse 45 Kilometer Strecke durchs Durmitorgebirge entworfen, es geht obendrein noch über 3000 Meter hoch und auch wieder runter, vorzugsweise fast senkrecht… Gut sechzig verwegene Kroaten sind seinem Ruf nach Montenegro gefolgt und als einziger deutscher bekam ich ein privates Race Briefing auf englisch.

“Durmitor“

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Schnell noch jedem Läufer die Startnummer mit Edding auf die Hand gemalt – und um 8 Uhr stürmt die Meute in einen Wald, der so dunkel und geheimnisvoll ist, dass man jeden Moment mit Monstern, Feen oder sprechenden Bäumen rechnen muss…

“Durmitor“

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Doch die Magie ist heute hauptsächlich visueller Natur; durch die körperlichen Anstrengungen, die Simuns knochenharter Kurs uns auferlegt, kommt allerdings noch eine psychische Dimension hinzu, und so wird das knapp 7-stündige Abenteuer durch das Durmitorgebirge letztendlich zu einer spirituellen Erfahrung. Das sind aber fast alle Rennen, die der bullige Kroate organisiert. Bis jetzt war ich noch jedes Mal von der Landschaft überwältigt, von der Hitze an den Rand des Verdurstens gekommen, von der Unübersichtlichkeit des Geländes an die Grenzen meiner Navigationskünste gebracht, oder von der Unendlichkeit der Wälder zur Verzweiflung getrieben….manches Mal auch alles gleichzeitig!

“Durmitor“

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Im Durmitor stellt uns Simun eine zusätzliche Hürde in den Weg, das heisst mehrere… Sie sind um die 2300 Meter hoch und bestehen aus dichtem Gras, feinem Schotter, und groben Felsbrocken. Bei Bergläufen geht es steil bergauf, und auch wieder bergab, das ist unsere Disziplin. Doch die senkrechten Wände des Durmitor lassen einen Lauf bei mir zu Hause in den Alpen wie einen Parkspaziergang erscheinen… Der Maßstab für einen “technischen Trail” verschiebt sich ordentlich nach oben. Auf sowas würde in Deutschland sich keiner trauen, eine Rennstrecke zu entwerfen, aus Angst vor einer Klageflut wegen Gefährdung Anderer…

“Durmitor“

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Für meine kroatischen Mitstreiter ist das alles kein Thema, sie sind das so gewohnt und obendrein haben die ein Tempo drauf… bergab stürzen sie sich der Schwerkraft folgend mit möglichst wenig Bodenkontakt den Hang hinunter, wie man es eher von Skifahrern kennt.
Der Kroate als solcher mag ja keine Serpentinen, stelle ich fest, er nimmt lieber den direkten Weg – hoch und auch runter! Rauhe Sitten also, und gleichzeitig eine echt gute Stimmung, hier wird mit allen Mitteln der Gegner niedergemacht, gnadenlos gibt jeder in meiner Gruppe Gas. Doch wenn ein Läufer einen anderen überholt, wird der langsamere freundlich gegrüßt, bevor er den Staub des Schnelleren zu schlucken bekommt.

“Durmitor“

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Vor ein paar Jahren kamen mal ein paar Franzosen zu Simuns Rennen durch das kroatische Velebit. Starke, erfahrene Trailrunner… Sie reisten Tage vorher an, erkundeten die ersten und die letzten Kilometer der Strecke und waren scharf darauf, es den Einheimischen mal so richtig zu zeigen. Vom Start weg führten sie, rannten allen davon und – vernavigierten sich nach 2 Stunden komplett, bis ihnen der Kontrollposten an dem sie kurz vorher schon gewesen waren, die schlechte Nachricht überbrachte: sie waren in der Eile die Strecke in der falschen Richtung wieder zurück gerannt…

“Durmitor“

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Nicht umsonst sind die schnellsten in diesen Rennen häufig slowenische und kroatische Orientierungsläufer, die wie menschgewordene Kompassmaschinen durch die Wildnis rasen, sich nicht von meterhohem Gras und den darin lauernden Schlangen beeindrucken lassen, und trittsicher wie Bergziegen über Stock und Stein fliegen.

“Durmitor“

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Das Gebirge mit den unaussprechlichen Gipfeln ist ein echtes Trailrunnerwunderland. Das sagen sogar die Kroaten, die ich bis jetzt um ihre wilden Landschaften beneidete…wir sind schon verabredet für nächstes Jahr, 2 Wochen Durmitor Trailwahnsinn, mit Simuns Rennen als krönendem Abschluss! 2010 wird das Jahr der Orks!

“Durmitor“

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Den Bericht auf Papier gibt’s im nächsten RUNNING Magazin am 21.10.2009.



4 Kommentare zu “Durmitor – Im Land der Orks”

  1. Feine Bilder – kein Wunder dass du 7h unterwegs bist wenn du nebenbei noch eine Nation Geographic Doku über die Flora und Fauna fertigstellst. Aber gut so, gefällt mir.
    Wenn ich selber renn, dann fallen mir solche Nebensächlickeiten wie …Natur… kaum auf. hehe.
    Ois guade
    ..Nächste Woche 40km Sumpfmarathon in Trondheim. Ich dabei! Werd vielleicht meine Kamera mitnehmen. Mal schaun

  2. Trailwatch sagt:

    Toller Bericht, schöne Bilder

  3. daniel sagt:

    sieht aus wie in den kalkalpen bei uns.
    nachts sind die aber bestimmt schwarz ;-)

    mir fällt übrigens die ganze natur schon auf, ist für mich auch einer der gründe da rumzuhüpfen.

    wenn man ein paar bilder schießt nimmt das drumherum eher war als bei läufen ohne cam. da ist man eher mit sich selbst beschäftigt.
    ich hatte da läufe bei denen ich nicht einmal ins panorma geblickt habe. wieder zuhause fand ich das dann irgendwie ziemlich schade.

    auf jeden fall toller bericht und schöne bilder.

    grüße ins chiemgau,
    daniel

  4. froggy sagt:

    wiedereinmal bekommt man eine irre lust,sofort los zu starten…dank der schönen bilder! grüße aus d verschneitem mondee:-)
    froggy

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